Brief einer verlassenen Tochter

Meine erste seelische Wunde ist die, die immer noch am meisten schmerzt. Die mich immer wieder zurückwirft und die mich nie ganz verlässt. Sie reißt immer wieder auf.

Ich bin noch ein Baby, als mein Vater meine Mutter plötzlich und unerwartet verlässt. Mein Leben lang habe ich gehofft, dass er irgendwann für mich da sein wird. Ich bin fast 38 und ich warte immer noch.

Die Weihnachtszeit hat begonnen und ich sehe Väter mit ihren Kindern durch Einkaufszentren hetzen. Ich sehe weinende Kinder und tröstende Väter. Ich sehe, wie die Kinder in meinem Bekanntenkreis sich an ihren Papas festhalten. Kinder schminken ihre Väter, frisieren sie, werden gekuschelt und geherzt. Jede einzelne Beobachtung versetzt mir einen Stich. Ich beneide die Kinder, ich beneide meine Stiefgeschwister um ihren Vater, der sie so sehr liebt.

Bis heute muss ich mit den Tränen kämpfen, wenn in einem Film ein Vater fehlt, wenn die rohe, verzweifelte Wut der verlassenen Person aus ihr herausbricht wenn der brennende Monolog, jahrelang für den Vater, der nie da war aufgespart wurde und endlich gesagt werden kann. Wenn Will Smith in der Szene in Prince of Bel Air bitterlich weint und fragt “How come he don’t want me, man?” ist in meinem Gesicht bereits ein Wasserfall ausgebrochen. Und so habe auch ich meinem Vater einen Brief geschrieben. Einen, den er nie lesen wird, der mir aber trotzdem geholfen hat. Ich möchte ihn mit euch teilen:

Brief einer verlassenen Tochter

Seit ich ein Baby war, hast du mich immer wieder verlassen. Du hattest immer deine Gründe. Meine Mutter hat es dir so schwer gemacht, Umgang mit mir zu haben, du warst müde vom Arbeiten, deine neue Frau mochte mich nicht.

Dass Mama dich anbetteln musste, mich zu besuchen oder wenigstens an meinem Geburtstag anzurufen, verschweigst du. Du warst immer gut im Töne spucken, große Worte, nichts dahinter. Du warst nie laut, hast nie geschimpft, bei unseren seltenen Treffen. Mit Erklärungen hast du mich bombardiert, mit leeren Versprechen. Ich habe dir jedes Mal geglaubt. Wie, dass du zu meinem sechsten Geburtstag kommst. Ich war so voller Vorfreude, weil ich dich Jahre nicht gesehen hatte. Den ganzen Tag habe ich gewartet. Dann den ganzen Abend. Hab mich auf die Treppe gesetzt, damit ich dein Klingeln nicht verpasse. Du bist nie aufgetaucht. Unser Verhältnis ist eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen und Zurückweisung. Am schlimmsten war aber, dass du es nie zugeben wolltest. Du hast mir beteuert , wie sehr du mich liebst und dass ich dein kleines Mädchen bin, um im nächsten Moment zu verschwinden. Du bist abgetaucht. Immer wieder. Und immer wieder dachte ich, diesmal bleibt er. Ich glaube, so richtig verstanden, dass ich nie genug sein würde, habe ich erst, als ich gesehen habe, wie liebevoll und zuverlässig du mit meinen Halbschwestern bist. Immer für sie da, nie abgetaucht. Überall Fotos von und mit ihnen. Von mir in deinem Leben keine Spur.

Als du mir letztes Jahr am Telefon gesagt hast, dass du mich nicht alleine besuchen willst, obwohl wir uns mittlerweile seit 11 Jahren nicht mehr gesehen haben, weil du nicht ohne deine Familie verreisen willst, da wusste ich, dass ich für immer auf deine Zuneigung und deine Wärme warten würde. Ich war nie Teil deiner Familie. Dass Mama und du geheiratet habt und ich ein Wunschkind war, ändert nichts . Ich weiß, ich muss Abschied nehmen.

Für alle verlassenen Töchter: Ihr seid nicht allein. Auch wenn ihr allein gelassen wurdet, als ihr Halt gebraucht habt. An manchen Tagen tut es genauso weh, wie damals, als ihr auf der Treppe gewartet und bis zuletzt gehofft habt. Ihr seid wertvoll und ihr werdet geliebt. Und auch, wenn das wie leere Worthülsen klingt: Er tut nicht nur euch weh, sondern vor allem sich selbst. Und es ist unfair, so verdammt unfair. Aber es ist nicht das Ende eurer Geschichte und euer Schmerz definiert euch nicht. Lasst uns zusammen “because of you” von Kelly Clarkson hören und weinen. Und lasst uns zusammen daran erinnern, dass es Menschen gibt, die ohne wenn und aber für uns da sind.


Dieser Text ist für meine Mama, die immer und jederzeit für mich da ist. Auch wenn wir uns die Köpfe einschlagen. Sie hat mich nie verlassen. Und ich weiß, dass sie das nie tun wird. Danke Mama, dass du da bist, wo Papa es nie war.

Von Jasmin Dickerson

Porträt von SOLOMÜTTER Gastautorin Jasmin Dickerson