Hereinspaziert
mit Jessica aus Mönchengladbach
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Jessi ist alleinerziehende Mutter eines Sohnes. Die gebürtige Hamburgerin lebt mit drei Katzen und ziemlich vielen Teekannen in Mönchengladbach. 

Warum sie bei Instagram nun aber eher weniger von Katzen und Teezeremonien berichtet, sondern sich auf diesem Kanal neuerdings für feministische Themen stark macht, das hat Jessi unserer Gründerin Sara in diesem Gespräch verraten. Tolle Fotos aus ihrer super schönen Wohnung wollen wir Euch aber trotzdem nicht vorenthalten: Here we go!

Sara: Jessi, ich bin vor einiger Zeit eher zufällig über dein Profil gestolpert. Vor ein paar Jahren wäre das nicht passiert, da kamen Katzen- und Interiorfans wie ich an deinem Instagram-Account @miezwohnung kaum vorbei. Was ist dann passiert? Warum wurde es so still auf dem Profil?

Jessi: Ich hab 2014 mit Instagram angefangen. Suchte Inspiration, liebte Interior und schöne Dinge. Außerdem fing ich an meine Wohnung und meine Katzen zu zeigen. Nach und nach kamen immer mehr Follower hinzu – zu besten Zeiten waren es knapp 13.000. Ich war schon immer ein kreativer Mensch, hatte Spaß am Gestalten, am Fotografieren und ich mochte es auch etwas Realität verpackt in schönen Bildern zu zeigen.

Privat hatte ich das Fotografieren teilweise auch schon zum Beruf gemacht. Ich liebte Porträt- und Aktfotografie und wollte vor allem Frauen zeigen: sinnlich, verletzlich und trotzdem stark und schön, aber nicht ‚billig‘ – jede anders und alle wunderschön.

Zwei Jahre lang gab ich Fotografie-Workshops in diesem Bereich, um anderen zu zeigen, wie mit wenigen Mitteln – ohne Blitz und großes Equipment – schöne Bilder entstehen können.

Nebenbei arbeitete ich außerdem 20 Stunden im Büro, um finanziell unabhängiger zu sein. Ich hatte viele Kontakte, einen tollen Job, war voller Kreativität und Energie und alleine total glücklich. Und dann traf ich auch noch meinen Traummann – so dachte ich zumindest. 

Er war charmant, selbstbewusst, intelligent und irgendwie ging alles sehr schnell. Nach nur sechs Monaten zogen wir zusammen nach Düsseldorf. Schicke Wohnung, Designer-Möbel, nur mein Bauch krampfte hier und da.

Streit. Immer wieder. Aus dem nichts. Was hatte ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Wir stritten, er ging einfach und kam irgendwann wieder. Geklärt war nichts. Zurück blieb ein komisches Gefühl. Es flogen hier und da Sachen, eine Tür ging kaputt. Wenn sich ein kräftiger und 196 cm großer Mann direkt vor deine Nase stellt und dich anschreit, wirst du ganz klein und bekommst Angst.

Immer wieder „Entschuldigung. Du weißt doch wie ich bin. Ich bin so gestresst. Und du hast mich ja schließlich auch provoziert.“

Nach und nach starb meine Kreativität. Ich hatte Zuviel anderes im Kopf. Machte mir dauernd Gedanken um die Beziehung, da hatte Kreativität, die aus Entspannung entsteht, einfach keinen Platz mehr. Ich gab die Workshops auf und arbeitete wieder mehr im Büro. Das Fotografieren wurde weniger und auch auf Instagram zog ich mich mehr und mehr zurück. 

Du schriebst ja oft über deinen ‚Lieblingsmenschen‘ oder hast Bilder deiner tollen Hochzeit geteilt. Wieso kam es dann doch verhältnismäßig schnell zur Trennung?

Da war nochmal ein kleiner Neuanfang. Neue Wohnung. Altbautraum. Perfekt für Instagram. Schwanger, Hochzeit… Dann das süße Baby.

Aber während der Mann zehn Stunden arbeitete und ich mich zwischen Baby und Haushalt zerriss und früh schon wieder arbeiten ging, wurde der Streit immer schlimmer und das Gefühl, dass ich eigentlich mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde geheiratet hatte, wurde stärker.

Immer und immer wieder die gleichen Gespräche und die selben Antworten: „Das hab ich nie gesagt. Das ist nicht passiert. Das bildest du dir ein. Du verletzt mich mit diesen Gesprächen. Du bist Schuld.“ Ich lag nächtelang weinend wach, während der Mann neben mir selig schnarchte. Und wir stritten ständig vor dem Kind. „Ach, das kriegt der Kleine doch gar nicht mit“, sagte er, aber in mir schrie es immer lauter: „Das ist nicht richtig so!“

Im Hinterkopf hatte ich außerdem die Unterhaltung mit meiner Freundin, die mich fragte: „Jessi, wärst du noch mit ihm zusammen, wenn das Kind nicht wäre?“ „NEIN!“ Wie aus der Pistole geschossen kam meine Antwort. „Nein. Nein. Nein.“

Es brauchte noch Monate, bevor ich endlich schaffte mich zu trennen – und auch damit war dieses Kapitel noch lange nicht abgeschlossen. 

Warum hast du dich diesbezüglich so schwer getan?

Mit seinem Auszug war es ja nicht vorbei. Damit stieß ich das Tor zur Hölle eigentlich erst auf. Ich wurde immer wieder bedroht. Mal mit: „Ich nehme dir das Kind weg!“ „L. bleibt bei mir und du wirst ihn nicht wiedersehen!“ oder wahlweise mit: „Ich bringe mich um!“. L. war gerade zwei Jahre alt – und ich ununterbrochen krank. Körperlich krank. Symptome von etwas ganz anderem.

Da der Vater ja Umgang mit dem Kind hatte, sahen wir uns ständig. Es wurde weiter gestritten, gedroht und vor dem Kind geschrien. Ich hatte damals viel Angst und musste erst lernen wie alles laufen kann und darf.

Ich habe mir Hilfe geholt. Viel Hilfe! Erst bei der Frauenberatungsstelle. Die empfahl mir den weißen Ring und die Familienberatung. Dort war ich dann und wieder ein kleinen Schritt weiter. Dann eine gute Anwältin finden. Und das noch bessere: eine gute Psychologin, die mir half, alles zu verarbeiten. 

Ich habe nach der Trennung noch fast ein Jahr gebraucht für all das. Aber wenn man erstmal ein paar Schritte gegangen ist, dann geht es immer weiter nach vorn und es hält einen nichts mehr auf! 

Aber was das aller aller Wichtigste war und von jetzt auf gleich alles geändert hat, war der augenöffnende Moment, als ich begriff, was für eine Beziehung ich hatte und mit wem – und, dass es nicht meine Schuld war.

Dieser Moment hat wieder mit Instagram zu tun. Ich las bei @wastarasagt ein paar Sätze, die so typischerweise in einer toxischen Beziehung fallen und ich dachte: „Hä? Wie kann sie denn wissen, was mein Mann immer gesagt hat? Wie kann Sie wissen, wie er reagiert hat?“ Und ich las bei ihr weiter über Narzissmus und typische Verhaltensweisen. Ich habe danach sehr sehr viel darüber gelesen und alles zu diesem Thema verschlungen.

Natürlich habe ich bzgl. meines damaligen Mannes keine offizielle Diagnose. Aber das braucht es auch nicht. Es reichte für mich, um meinen Weg der Heilung zu starten. Es reichte, um zu verstehen, zu lernen, zu wachsen und mittlerweile besser damit umgehen zu können.

Was war die größte Herausforderung?

Puh, es gab so viele Herausforderungen, dass ich manchmal dachte, ich schaffe es einfach nicht! Aber es ging eben doch.

Eine Herausforderung ist, sich mit sich selbst und seiner Heilung und seinen Gefühlen auseinanderzusetzen und gleichzeitig aber für das Kind alles ‚am Laufen‘ zu halten. Stabil, verlässlich und gesund zu sein und dem Kind zu geben, was man eigentlich selbst braucht. 

Aber genau deshalb geht es immer weiter. Genau deshalb schafft man alles. Genau dafür hält man durch. Fürs Kind.

Und ich habe immer mehr begriffen, wie wichtig es ist, dass es einem selber gutgehen muss. Also gehe ich jeden Weg, der nötig ist und habe gelernt mehr und mehr gut für mich selbst zu sorgen. 

Wenn es um den Umgang mit Narzissten geht, ist der allererste und dringendste Rat immer: Keinen Kontakt mehr! Das ist wichtig, um heilen zu können. 

Tja, wie macht man das mit einem gemeinsamen Kind? Hier eine gute Balance für sich und das Kind zu finden, ist sicher die allerschwerste Herausforderung. Dem Kind einen möglichst normalen Umgang zu ermöglichen, dafür muss man immer wieder an sich selbst arbeiten: viel loszulassen üben. Viel zu reflektieren und sich selbst und seiner Gefühle und Gedanken sehr sicher sein. Eine gute anwaltliche und psychologische Begleitung schadet aber auch nicht.

Und erzähl doch einmal von deinem Re-Start? deine neue Wohnung ist ja wieder ein Träumchen. Ist alles so ‚easy‘ wie es bei Instagram oft wirkt?

Ein Neustart tut grundsätzlich immer gut. Alles nach seinem eigenen Geschmack einzurichten und es sich selbst zu einem eigenen Wohlfühlort zu machen ist viel wert und hilft sehr. In meiner neuen Wohnung ist alles meins. Hier kann ich wieder ich sein, hier bin ich sicher. Trotzdem ist nie alles so easy oder gar so aufgeräumt wie es auf Instagram aussieht. Bei uns findet das reale Leben statt: Drei Katzen, ein Kleinkind, einen Garten, den Haushalt und die Arbeit unter einen Hut zu bekommen, ist eine Herausforderung – jeden Tag aufs Neue.

Ich habe keine Familie die mir unter die Arme greifen kann. Ich bin tatsächlich ALLEINerziehend. Deshalb gibt es öfter als gewollt bestelltes Essen oder eben tagelang einen krümmeligen Fußboden.

Vielleicht nochmal kurz einen Schritt zurück. Magst du uns mal etwas zu dir und deiner Zeit bevor du Mutter wurdest erzählen? 

Ich war noch nie ein Kind von Traurigkeit. Ich habe lange jedes Musikfestival, jede Party und jedes Konzert mitgenommen. Liebte schon immer leckeres Essen und guten Wein, hatte vor dem Kind deutlich mehr Zeit zum lesen und hab ebenso gerne meine Zeit mit meinen Freunden verbracht. 

Das Vieles davon nicht mehr stattfand, lag aber nicht nur am Kind. Natürlich verändert das Mutterwerden und ein Kind. Aber ob man danach noch weiter man selbst sein kann oder Zeiten für sich und seine Interessen wahrnehmen kann, das liegt nicht am Kind, sondern an einer funktionierenden Beziehung. Ein Partner, der einen unterstützt und fördert und aufrichtig liebt, würde all dies nicht zerstören, sondern versuchen zu ermöglichen. 

Wie verbindest du dein altes „ich“ mit deinem neuen Leben?

Mit Musik! Ich liebe Musik schon immer. Bestimmte Sounds oder Texte berühren mich, lösen verschiedene Stimmungen aus. Musik kann trösten, aufbauen, Energie geben. In den Zeiten, die mein Kind bei seinem Vater verbringt, trage ich fast nur Kopfhörer und singe und tanze durch die Wohnung. Das löst Anspannung, befreit und macht mich einfach glücklich. Ich singe lauthals mit und tanze durch die Bude und hoffe inständig, dass meine Nachbarn es weder sehen noch hören können!

Ich habe gelernt, die wenige freie Zeit voll auszukosten und Dinge zu machen, die mit Kind nicht gehen: Kino, Essen gehen, ein Date…

Sich selbst (wieder) zu finden ist ein langer Weg. Ich versuche trotz aller Erfahrung offen zu bleiben. Ich war tief im Inneren immer ein Hippiemädchen und glaube daran, dass man mit Liebe alles erreichen kann.

Ich bin nicht mehr naiv und setzte deutlich besser und schneller meine Grenzen, aber den Glauben an das Gute lasse ich mir nicht nehmen!

Fällt dir Vereinbarkeit leicht? Was arbeitest du und wie kombinierst du alles?

Ehrlich? Überhaupt nicht! Aber es gibt ja keinen anderen Weg, also muss ich ihn gehen. In der Zeit, in der das Kind im Kindergarten ist, arbeite ich. Derzeit im Gesundheitsamt bei der Pandemiebekämpfung. Und damit meine ich genau die Zeit, die das Kind im Kindergarten ist. Mir bleibt noch Zeit für Hin-und Rückweg plus 5 Minuten. Das wars. Keine Zeit zum Mittagessen, Einkaufen oder ohne Kind mal zu aufräumen. Ich habe aber auch gelernt daran zu wachsen, mich genau auf das zu fokussieren, was mir wichtig ist und loszulassen. Das Bild der perfekten Mutter loszulassen, der perfekten Wohnung und dem perfekten Leben. Wie gesagt, bei uns wird eben oft Essen bestellt, manchmal – dank des Internets – sogar der ganze Einkauf. Die Medienzeiten sind manchmal zu lang und das dreckige Geschirr in der Küche wird einfach manchmal ignoriert. Die Wäsche im Keller ein zweites Mal angestellt, weil sie vergessen wurde und, und, und.

Aber ich habe für mich gelernt, dass es nicht wichtig ist und dass das Kind nicht unbedingt einen selbstgebastelten Adventskalender braucht oder perfekte Weihnachtskekse, um glücklich zu sein. Am allerglücklichsten macht das Kind eine glückliche und entspannte Mutter. Wir tanzen einfach gemeinsam durch die (dreckige) Bude,  verbringen viel gemeinsame Zeit. Das Kind bekommt Aufmerksamkeit, ich höre zu und wir spielen. 

Du hast zwei Katzen, bei mir leben auch eine Katze und ein Hund und oft höre ich: „Bist Du verrückt, das ist doch viel zu viel Arbeit…“. Das gebe ich mal weiter: Bist du verrückt?

Ja, bin ich! Es sind mittlerweile sogar wieder drei Katzen. Und natürlich, sie machen echt viel Arbeit, kosten unfassbar viel Geld und Nerven – und manchmal auch Möbelstücke. Aber wenn ich traurig bin oder das Kind etwas auf dem Herzen hat, dann spüren die Tiere das. Sie kommen kuscheln, schmusen und schnurren – und versprühen so ihre Heilkräfte. Und die Katzen gehören halt zur Familie. Was soll man da machen? ;-D

Dein anderes Hobby ist Tee. Erzähl doch mal, was an Teetrinken und dem dazugehörigen Ritual so schön ist und was dir das gibt?

Ich liebe grünen Tee – und Oolong und schwarzen, aber am meisten grünen! Ich liebe auch die wunderschöne Teekeramik. Das Teetrinken ist meine persönliche kleine Auszeit. Meine kleine Meditation. Ein Ritual, das mich sofort in Ruhe versetzen kann. Der Duft, der Geschmack, die Wärme, die Haptik der Teeschale. Es berührt alle Sinne. Das erdet mich und gibt mir Ruhe. Das überträgt sich sogar auf das Kind. 

Ist Interior auch immer noch ein Thema für dich und hat sicher dieser Schwerpunkt mit Kind verändert?

Ich liebe Interior immer noch! Aber natürlich haben sich da Ansprüche und Schwerpunkte geändert. Mit Kind und Katzen ist vieles Schöne leider unpraktisch. Alles muss haltbar und möglichst unkaputtbar sein. Und da mich ja auch schon lange für Themen wie Nachhaltigkeit und Minimalismus interessiere, wird hier gerade sehr stark minimalisiert. Und ich muss sagen, das tut furchtbar gut! Äußere Ordnung ist auch immer etwas innere Ordnung. Es hilft, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Generell muss ich mich um weniger Dinge kümmern, weniger Dinge saubermachen und das Ordnunghalten fällt deutlich leichter. 

Was wünschst du dir für dieses Jahr? Persönlich und als Single Mom?

Ich persönlich wünsche mir einfach nur Ruhe für meinen Sohn und mich. Das klingt so einfach, ist aber gerade so schwer.

Und hoffe für 2022, dass sich mit der neuen Regierung etwas mehr für Alleinerziehende sowie Frauen- und Kinderrechte tut. Dass die Revolution die so langsam beginnt, endlich Fahrt aufnimmt und auch in wichtigen Institutionen wie Jugendämtern, Familiengerichten, Familienberatungsstellen und Verfahrensbeiständen ankommt.

Hast du neben Wünschen auch konkrete Ziele? Und falls ja, welche?

Ich würde es gerne wieder zeitlich schaffen, aktiver auf Instagram zu sein und wieder öfter etwas zu posten. Seit es mir selbst besser geht, wächst der Wunsch, andere in ähnlicher Situation zu unterstützen. Und wenn es nur ein paar Worte sind oder ein paar Tipps, die der oder dem ein oder anderen helfen können – mir hat ja, wie gesagt, ein einfacher Instagrampost die Augen geöffnet, vielleicht klappt das ja bei anderen auch!

Eine Frage noch: Als Exilrheinländerin interessiert mich, warum du als Hamburgerin in Mönchengladbach wohnst? Ist das deine Wahlheimt?

Die Liebe hat mich hierher verschlagen. Und mittlerweile bin ich hier irgendwie verwurzelt. Aber meine Heimat wird immer Hamburg bleiben. Ich bin im Herzen nordisch by nature. Ich grüße mit „Moin!“ und ich hasse Karneval und Smalltalk und liebe „die Schiffe, das Meer und den Hafen“! 

Danke für diese sehr persönlichen Eindrücke, liebe Jessi, und alles Gute für dich.

Dieses Interview führte Sara Buschmann. Sara SOLOMÜTTER im Jahr 2020 gegründet und seit 2018 alleinerziehend.