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	<title>Yassamin-Sophia Boussaoud, Author at SOLOMÜTTER</title>
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		<title>Eine dieser Frauen</title>
		<link>https://solomuetter.de/2021/10/20/eine-dieser-frauen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Yassamin-Sophia Boussaoud]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Oct 2021 15:41:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[ERFAHRUNGSBERICHTE]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>In Deutschland leben rund 1,5 Millionen Alleinerziehende. Das entspricht der Bevölkerung Münchens. Das Armutsrisiko alleinerziehender Personen ist in Deutschland mit fast 33% doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Und gut 90 % aller Alleinerziehenden sind Frauen und weiblich gelesene Personen. Ich bin eine dieser Frauen. Und sowohl relative als auch absolute Armut ziehen [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>In Deutschland leben rund 1,5 Millionen Alleinerziehende. Das entspricht der Bevölkerung Münchens. Das Armutsrisiko alleinerziehender Personen ist in Deutschland mit fast 33% doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Und gut 90 % aller Alleinerziehenden sind Frauen und weiblich gelesene Personen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin eine dieser Frauen. Und sowohl relative als auch absolute Armut ziehen sich durch meine gesamte Biografie. Meine Mutter war alleinerziehend. Meine Großeltern ohne Besitz, mein Vater arbeitsunfähig. Seit frühester Kindheit weiß ich wie es ist, kein Geld zu haben. Ich wurde mit 16 schwanger, zog von zu Hause aus.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mit 17 hatte ich noch keinen Schulabschluss, ein 6 Monate altes Baby. Die Erstausstattung für mein Kind habe ich über einen sozialen Verein erhalten. Wenn ich einkaufen war, rechnete ich auf den Cent genau mit. Frisches Obst und Gemüse gab es stets nur am Anfang des Monats, Toast mit Margarine und Eiern am Ende.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich lebte in einer Wohnung, in der es bis unter die Decke schimmelte, in der Möbel aus einem Wohlfahrts Möbellager standen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Kind hatte überwiegend Plastikspielzeug und ich kaufte unsere Kleidung in Textil Discount Läden – die einzige Möglichkeit wie wir überhaupt neue Kleidung haben konnten. Für uns war es wirklich absoluter Luxus einen Döner zu holen. Zum Zahnarzt zu gehen, war jahrelang unmöglich, was man meinen Zähnen heute ansieht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich hatte im Grunde nichts und für mich doch so viel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war sehr stolz auf das, was ich hatte. Ein Dach über dem Kopf. Ein Zuhause. Ein verschnörkeltes Metallbett, das irgendjemand nicht mehr wollte und ich tatsächlich noch 10 Jahre nutzte. Einen kleinen Fernseher, eine Stereo Anlage, einen Kerzenständer, mein Bücherregal. Ich entschied mich dafür, meinen Schulabschluss und eine Ausbildung zu machen und war so von absoluter Armut betroffen, häufte Schulden an. Davon habe ich mich bis heute nicht erholt. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Zunächst hatte ich nur einen niedrigen Bildungsabschluss, machte meine Ausbildung im sozialen Bereich, konnte aufgrund meiner Kinder nie Vollzeit arbeiten. Und selbst wenn, hätte sich mein Gehalt noch immer im Niedriglohnsektor bewegt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Später entschied ich mich für Bildung und Weiterbildung anstelle von Lohnarbeit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Moment bin ich zum Glück nur von relativer Armut betroffen. Weil ich Unterhalt vom Vater meiner Kinder erhalte und (noch) im Student*innenwohnheim lebe. Weil ich zwei Jahre lang neben dem Studium mindestens Teilzeit gearbeitet habe. In den nächsten Monaten besteht jedoch die Möglichkeit, dass ich wieder einmal von der relativen in die absolute Armut komme. Weil ich mich ein weiteres Mal für Bildung entscheide.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe (momentan) keine eigenen Möbel, keine Wertgegenstände, keinerlei Vermögenswerte. Aber zwei Kinder mit dem Recht auf Bildung, Kultur und Teilhabe.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ich habe Existenzängste. Solche, die meine Lebensqualität deutlich einschränken. Sie sind wesentlich für meine Angststörung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Plattform bietet mir das große Privileg, damit hin und wieder Geld zu verdienen. Ich habe das große Privileg hin und wieder für Texte bezahlt zu werden. Aber all das ist weit entfernt von Regelmäßigkeit. Weit entfernt von Gewinnchancen. Weit entfernt von der Wiederherstellung meiner Bonität, die ich bereits mit 19 schon nicht mehr hatte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war arm, bevor ich alleinerziehend wurde. Und weil ich alleinerziehend bin, werde ich tendenziell arm bleiben. Meine Chance ist mein Studium und dieses Buch, das ich grad schreiben darf. Das hier ist meine Chance.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ich weiß, Menschen glauben gerne an Erfolgsgeschichten und an das Märchen der Tellerwäscher*in die zur Millionär*in wurde. Aber die Wahrheit ist doch die, dass ich wesentlich näher dran bin, wohnungslos zu sein als reich zu werden. Das sind die allermeisten Menschen hier. Alleinerziehende Frauen und weiblich gelesene Personen aber besonders.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Armutsrisiko alleinerziehender Personen ist kein neues, plötzlich aufgetretenes Phänomen. Die Ursachen liegen in Jahrhunderte alten patriarchalen Strukturen. Und die heutigen Zahlen unterscheiden sich kaum von denen der letzten Jahrzehnte. In Deutschland wurde in den letzten 16 Jahren absolut nichts zur Verbesserung des Armutsrisikos Alleinerziehender unternommen und die derzeit entstehende neue Regierung verspricht wenig Hoffnung auf Besserung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ich würde gerne sagen, dass ich damit klarkomme. Aber das tue ich nicht. Weil ich alleinerziehend bin. Weil ich allein das leisten soll, was häufig nicht mal mehr zwei Elternteilen gelingt und dafür in jeglicher Hinsicht Abwertung erfahre. Und jedes einzelne Mal, wenn mir Menschen erzählen, ich wäre so stark ist in meinem Kopf all das hier und richtig viel Wut.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Weil ich nicht stark bin, sondern marginalisiert. Und weil mir keine andere Wahl bleibt, als weiter an den Dingen zu arbeiten, an die ich glaube. Zum Glück bin eines dieser Dinge ich selbst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In Deutschland leben rund 1,5 Millionen Alleinerziehende. Das entspricht der Bevölkerung Münchens. Das Armutsrisiko alleinerziehender Personen ist in Deutschland mit fast 33% doppelt so hoch wie im Durchschnitt der Bevölkerung. Und gut 90 % aller Alleinerziehenden sind Frauen und weiblich gelesene Personen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin eine dieser Frauen. Und ich bin auf jeden Fall trotz Mehrfachmarginalisierung an vielen Stellen privilegiert. Allein schon dadurch, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe diesen Text zu schreiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und ich möchte, dass es Normalität wird, dass wir mitgedacht werden, geachtet und geschützt werden. Ich möchte, dass Menschen aufhören uns für unsere Stärke zu bewundern, die in den allermeisten Fällen nichts anderes ist als blanke Überlebensstrategie.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die Autorin</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><a href="https://www.instagram.com/minaandherchaos/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yassamin-Sophia</a>&nbsp;Boussaoud ist 30 Jahre alt, alleinerziehend und Mutter von zwei Kindern im Alter von 9 und 13 Jahren. Yassamin-Sophia arbeitet als Autorin, studiert Komparistik und Philosophie und ist Aktivistin für intersektionale Themen.</p>
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					<p class="elementor-heading-title elementor-size-default">Von Yassamin-Sophia Boussaoud</p>				</div>
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		<title>Ich hasse es</title>
		<link>https://solomuetter.de/2021/09/06/ich-hasse-es/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Yassamin-Sophia Boussaoud]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 06 Sep 2021 15:25:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[ERFAHRUNGSBERICHTE]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ich hasse es, alleinerziehend zu sein. Ich hasse alles davon. Jeden einzelnen Moment. Und am meisten hasse ich es, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als zu versuchen das Beste daraus zu machen. Wenn ich in den letzten Jahren eines gelernt habe dann, dass sich niemand und zwar wirklich überhaupt niemand für alleinerziehende Frauen und [&#8230;]</p>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ich hasse es, alleinerziehend zu sein. Ich hasse alles davon. Jeden einzelnen Moment. Und am meisten hasse ich es, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als zu versuchen das Beste daraus zu machen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich in den letzten Jahren eines gelernt habe dann, dass sich niemand und zwar wirklich überhaupt niemand für alleinerziehende Frauen und weiblich gelesene Personen interessiert. Klar, ich darf stark sein, inspirierend sein, die gütige Mutter, die sich aufopfernde Märtyrerin, die Überlebenskünstlerin, die auch völlig broke noch ein herzhaftes Mahl für ihre entzückenden Kinder zaubert. Das wird gesehen, beklatscht und nicht selten als Inspirationsporno genutzt, um die eigene, absurde Existenz erträglicher zu machen. Die dankbare Milf darf ich auch sein, wenn ich das möchte. Die, die ach so gütigen cishet Männern jeden Wunsch von den Augen abliest, weil sie ja dankbar sein kann, dass sie mit Kindern überhaupt jemand will. Ich darf all das sein, was mir eben vom Patriarchat zugeschrieben wird. Und das aber bitte leise. Und natürlich mit mehr Stolz als Verstand. Denn um Hilfe bitten oder fordern soll ich nichts.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Schon gar nichts, was alten weißen Männern ihr überpriviligiertes Dasein wenn auch nur minimal erschweren könnte. Ich arbeite bereits ohne das Miteinbeziehen der Care Arbeit, gut 15 Stunden mehr pro Woche als der Vater meiner Kinder für etwa die Hälfte an Lohn und Gehalt. Ich nehme 99% aller Krankheitstage. Unsere Kinder verbringen mindestens 75% ihrer Zeit bei mir. Wenn sie länger als ein Wochenende bei ihrem Vater sind dann, damit ich mal mehr arbeiten kann. Und trotzdem, obwohl ich diejenige bin, die da ist, diejenigen die ihre Verantwortung ernst nimmt und übernimmt, werde ich beschämt. Ich werde nicht als Frau mit Kindern gesehen, sondern als gescheiterter Versuch, Familie zu leben. Ich werde nicht als die gesehen, die geblieben ist, sondern als die, die von einem Mann verlassen wurde. Nicht als die, die mehr wollte, etwas anderes wollte, sondern als die, die nicht gut genug war. Und ich hasse alles daran. Ja, ich kann mich weiterbilden, studieren wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur muss ich dann eben bereit sein, für jeden Meter vorwärts fünf Mal so viele Schritte aufzuwenden wie eigentlich nötig. Ich habe nie die Möglichkeit großartig Geld beiseite zu legen und weiß schon heute, mit 30 Jahren, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich später unter Altersarmut leiden werde verdammt hoch ist. Und jeder Schritt hin zu einem Leben, das mein Leben ist, das meinen Bedürfnisse entspricht, ist ein radikaler Akt der dieses Risiko um ein Vielfaches erhöht. Ich hab das nun dennoch getan. Und meine feste Lohnarbeitsstelle gekündigt, um die Möglichkeit zu haben, mein Studium doch noch abschließen zu können. Das bedeutet eine ganze Menge Unsicherheit und noch weniger Geld. Das bedeutet noch mehr Verzicht und noch mehr nötiges Durchsetzungsvermögen. Und die Hoffnung auf ein bisschen Glück und darauf, dass es vereinzelt Menschen gibt, denen bewusst ist wie viel patriarchaler Gewalt, wie vielen Machtstrukturen vor allem nicht weiße, alleinerziehende Frauen und weiblich gelesene Personen schutzlos ausgesetzt sind. Mir ist bewusst, dass ich Privilegien genieße, die anderen alleinerziehenden Frauen und weiblich gelesenen Personen verwehrt bleiben. Ich weiß, dass es einem Zusammenspiel aus einigen Privilegien zu verdanken ist, dass ich überhaupt die Möglichkeit habe so hart an meinem Traum zu arbeiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Meine Situation ist trotzdem ziemlich ätzend. Und an der Stelle gibt es keine Pointe, die diesen Text für nicht betroffene Menschen sanfter enden lassen könnte. Ich hasse es, alleinerziehend zu sein. Ich hasse alles davon. Jeden einzelnen Moment. Und am meisten hasse ich es, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als zu versuchen das Beste daraus zu machen. Am allermeisten würde ich nämlich tatsächlich mich selbst hassen, wenn ich nicht alles versuchen würde was irgendwie geht um das tun zu können, was ich tun möchte. Und das ist studieren und schreiben und ich sein. Mit Kindern.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Dieser Text ist zuerst auf dem Instagram-Account von&nbsp;<a href="https://www.instagram.com/minaandherchaos/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Yassamin-Sophia</a>&nbsp;erschienen. Eine Mutter aus unserer tollen Community hat ihn entdeckt und uns geschickt. Wir fanden dieses Meinungsstück so ehrlich und treffend, dass wir die Münchner Autorin sofort gefragt haben, ob wir es auch auf SOLOMÜTTER veröffentlichen dürften.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Danke, Mina, dass Du einverstanden bist!</em></p>
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					<p class="elementor-heading-title elementor-size-default">Von Yassamin-Sophia Boussaoud</p>				</div>
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